28
Februar

Sind Daily Soaps noch zeitgemäß?

Nicht jede Frage lässt sich von allen gleich beantworten. Daher haben wir beschlossen, die Frage aus der Sicht mehrerer Autoren zu beantworten.

Nina:
Ich möchte diese Frage weder mit Ja noch mit Nein beantworten. Nur die zukünftigen Quoten können darauf antworten, ich habe allerdings die Hoffnung auf ein JA.

Jan:
Die Frage, ob Daily Soaps noch zeitgemäß sind, wird immer wieder gerne gestellt. Gerade in der heutigen, schnelllebigen Zeit mit ihrer Dauerverbindung zum Internet fragen sich einige, ob der Zuschauer überhaupt noch die Zeit findet, sich jeden Tag auf eine Soap einzulassen.

Tin:
Mit dem Boom der Telenovelas in den letzten acht Jahren fand auch ein regelrechter Umbruch in der scheinbar festen Soapwelt statt.
In den 90ern versuchte beinahe jeder große Sender, eine eigene Daily Soap zu etablieren, doch letztendlich überlebten nur vier Dailys den Jahrtausendwechsel: GZSZ, Marienhof, Unter Uns und Verbotene Liebe. Mit dem Auftreten der ersten Telenovelas ermöglichten die Sender den Zuschauern wieder eine scheinbar neue Welt: Eine Soap unter dem Deckmantel der Endlichkeit. Bianca kam als erste und wurde beendet. Ihre Nachfolgerin Julia durfte zwar auch nach einem Jahr ihr Happy End finden, aber ihr Umfeld musste noch drei weitere Protagonistenpaare miterleben. Dass diese Telenovela dann schließlich beendet wurde überraschte, da die Quoten über dem Senderschnitt lagen. Aber mit jeder weiteren Nachfolgeserie bröckelten auch diese im Nachmittagsprogramm des ZDF. Lena wurde ins Vormittagsprogramm verbannt und Herzflimmern schließlich auf den Sendeplatz um fünf Uhr nachts. Und auch bei den eingesessenen Soaps wackelte es zwischenzeitlich. Die Quoten und  Reichweiten aller Soaps sanken im Laufe der Jahre. Der Marienhof wurde eingestellt und Unter Uns stellte die Produktion um, inklusive zwei Pausen im Jahr.

Jan:
In den USA sind tägliche Serien scheinbar nicht mehr zeitgemäß, zumindest nicht auf ihrem aktuellen Sendeplatz. Sie wurden in den dreißiger Jahren primär eingeführt, um die Hausfrau anzusprechen und ihren monotonen Alltag zu versüßen. Das Frauenbild hat sich über die Jahrzehnte aber radikal geändert, so dass immer weniger Frauen ihre Tätigkeitsfelder auf den Haushalt beschränken. Sie müssen einer geregelten Arbeit außerhalb des Heims nachgehen und können die Soap nicht tagsüber gucken. Einige zeichnen diese sicherlich auf oder gucken sie online, aber die Zuschauerzahlen sinken beständig.
Im UK und in Deutschland laufen Soaps traditionell im (Vor-)Abendprogramm. Der Zuschauer ist zu Hause und hat so eher die Möglichkeit einzuschalten und sich auf eine Familie außerhalb seiner eigenen einzulassen. Auch ist die Zielgruppe eine andere als in den USA: Dort wird auch heute noch primär die Hausfrau mittleren Alters angesprochen, die im mittleren Westen beheimatet ist, während in Europa eine weitaus jüngere Zielgruppe anvisiert wird. In Großbritannien ist es auch nicht selten der Fall, dass Männer einschalten, da nicht ausschließlich für Frauen geschrieben wird.

Tin:
Weltweit traten Probleme bei den Daily Soaps auf und es scheint fast so, als wäre keiner auf die Veränderungen vorbereitet gewesen. Die Soaps wurden immer stärker an ihre Zielgruppen, die sich schon lange nicht mehr nur an Hausfrauen richteten, angepasst. Die Produktionen versuchten, jeder Soap ein Alleinstellungsmerkmal zu geben. In Deutschland wurde Verbotene Liebe zur Edel-Soap. Alles was zählt veränderte durch eine rasante Kamera- und Schnittführung das Erscheinungsbild der Soaps allgemein, und GZSZ wurde zur Metropolen-Soap, die durch ein scheinbar reales Setting immer näher an die Realität rücken sollte.
Die Erzählweise wurde über die Jahre hinweg immer langsamer, um Zuschauern, die nur selten einschalten konnten, den Wiedereinstieg zu ermöglichen. Der Begriff „Kaugummi“ wurde in Foren immer häufiger in Bezug auf Storylines verwendet. Alles wurde tausend Mal durchgekaut und unnötig gestreckt.

Jan:
Die südamerikanischen Nationen, die zu den größten Telenovela-Produzenten zählen, haben keine nennenswerte Filmbranche. Die Bevölkerung ist auch zu arm, um sich kostspielige Kinokarten leisten zu können. So sind die Stars nicht auf der Kinoleinwand anzutreffen sondern auf dem TV-Bildschirm. Nicht ohne Grund laufen Telenovelas dort zur Prime-Time. Diese Regelung hat sein Jahrzehnten Bestand und wird sich auch in Zukunft nicht ändern.
Nicht zu missachten sind südamerikanische Telenovelas als beliebtes Exportprodukt, besonders in osteuropäische und asiatische Länder. Mittlerweile kaufen Sender die Rechte an einem Format und lokalisieren es, so geschehen mit „Verliebt in Berlin“, das auf einem kolumbianischen Original („Yo soy Betty la fea“) basiert, dem am meisten adaptierten Format der Welt.

Nina:
Der Trend im deutschen Fernsehen geht zur Zeit ganz klar in Richtung Reality Doku und Scripted Reality. Man kann daraus ablesen, dass der Zuschauer sich vermehrt Sendungen zuwendet, die das wahre Leben abbilden und gleichzeitig aber durch ihre Einfachheit eine Art „Alltagsflucht“ darstellen. In dieser Hinsicht sind sie den Daily Soaps sehr ähnlich und daher wohl deren größte Konkurrenz. In meiner täglichen Fernsehdosis existiert beides nebeneinander. Ich schaue 2-3 Daily Soaps, aber auch Reality-Dokus wie „Rach“ oder „Goodbye Deutschland“. Unverständlich sind für mich dagegen die hohen Quoten von Sendungen wie „Berlin Tag & Nacht“ oder „Familien im Brennpunkt“. Immerhin tragen sie zu der derzeitigen Flut an Reality-Formaten bei, und es ist nicht auszuschließen, dass auch hier irgendwann der Überdruss eintritt wie einst bei den Talk- und Gerichtsshows. Dann ist die Zeit für einen Aufwärtstrend bei den Daily Soaps hoffentlich gekommen.

Tin:
Durch veränderte Arbeitszeiten verringerten sich auch die Zuschauerzahlen. Die Sender entschlossen sich daher, die Serien verstärkt ins Internet zu verlagern: 7 Tage kostenloser Abruf, Archivierung der alten Folgen gegen Bezahlung und zusätzliche Informationen in jeglicher Form, um am Zahn der Zeit zu bleiben. Doch die kostenlosen Folgen sorgten dafür, dass noch mehr Leute ins Internet abwanderten, nach dem Motto: „Jederzeit abrufbar“. Einzig GZSZ stellt die Folgen nicht kostenlos ins Netz und hat mit den Quoten nach wie vor Erfolg.

Jan:
Soaps haben sich in den 80 Jahren seit ihrer Geburt stetig weiterentwickelt. Das Format des täglichen Erzählens wird auf der ganzen Welt unterschiedlich gehandhabt aufgrund von Anpassungen an die jeweilige Kultur und Geschichte. Neue Wege gehen bereits Websoaps, die für das Internet produziert werden und dort bereits eine rege Fangemeinde haben. Das Interesse an Geschichten wird nie aussterben, weshalb Soaps überhaupt nicht aus der Mode kommen können.

Tin:
Wie so oft kam ein Trend aus Amerika, der inzwischen auch in Deutschland zum festen Bestandteil wurde: Websoaps. In kurzen Internetvideos wird das Geschehene meist aus Sicht eines Charakters aufgegriffen und bietet so dem Zuschauer einen differenzierten Blick auf die Handlung. Die Nachfrage ist groß, weswegen sich auch Indie-Soaps etablieren konnten. Doch der deutsche Markt ist noch nicht bereit, dieses Zusatzangebot zu finanzieren. Daher wurde auch nichts aus den Plänen, die im Internet erfolgreiche Telenovela „Hand aufs Herz“ zu verlängern. Die Produktionen können sich dort nicht refinanzieren. Aber der Wille und das Interesse sind da, weswegen Soaps nie aussterben werden.
Vom Radio, ins Fernsehen, ins Web…

Jan:
Von einer Übersättigung des Markts und der Frage, ob Soaps noch zeitgemäß sind, wird wohl hauptsächlich in Deutschland gesprochen. Die Frage an sich impliziert bereits eine Kritik am Genre. Kein Zuschauer ist gezwungen einzuschalten. Deutschland besitzt eine große Senderauswahl, so dass jeder Zuschauer die Möglichkeit hat, ein für ihn interessantes Programm zu finden. Es spricht schließlich auch niemand von einer Übersättigung des Markts, wenn es um den “Tatort“ geht. Diese Reihe ist auch fast jeden Tag im TV anzutreffen.

Tin:
Aber worauf die Frage wohl eigentlich abzielt, ist, ob das Soapsterben eine Warnung ist. Eine Warnung, die sich an Sender, Autoren und Produzenten richtet: Man sollte wieder zu den Wurzeln zurückkehren, weniger experimentieren und stärker auf die Zuschauer eingehen, die seit Jahren dabei sind. Das heißt, dass alteingesessene Rollen gepflegt und vor allem ohne größere Fehler genutzt werden sollten. Es bringt nichts, Charaktere durch Anhänge zu „stärken“, wenn im Serienuniversum oft genug erwähnt wurde, dass der Charakter keine Familie mehr hat. Ebenso sollten Telenovelas im Rahmen der Vorgaben beendet werden. Die Übersiedelung einzelner Charaktere in eine neue Telenovela wäre eine Möglichkeit, etwas Neues zu schaffen und dabei die Zuschauer mitzunehmen.

Gepostet von mts

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